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Ausgabe 04/2011
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Thomas Malchar: Mit Passwortmanagement zum Liebling der Dax-Konzerne • Vor und nach dem Aufritt: Fünf Künstler auf der Reise durch eine Galaxie der Gefühle • Impact-Krater "Nördlinger Ries": Stürmische Grüße aus dem All • In Hülle mit Fülle: Eine farbenfrohe Festtagstafel im Friedberger Schloss • Schwabens bester Restaurantführer
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Editorial
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Liebe Leserin, lieber Leser,
ich weiß nicht, wie es Ihnen geht und welche Grundstimmung sich heute bei Ihnen einstellt, wenn Sie auf die erste Dekade des zweiten Jahrtausends zurückblicken und zugleich einen Blick in die unmittelbare Zukunft wagen. Mir fehlt jedenfalls heute weit und breit jenes Quäntchen Zuversicht, das noch zur Jahrtausendwende Jung und Alt beflügelt hat. Erst zehn Jahre ist es her, dass das Internet über Nacht die Welt zu einem Dorf hat schrumpfen lassen und zugleich das Tor zu einem neuen Zeitalter des Wissens und der Wissensvermittlung aufgestoßen hat. Ebenfalls erst zehn Jahre ist es her, dass die erste Handy-Generation die Schulen verlassen hat. Die Aussage, die vielen jungen Menschen nach Abschluss der Ausbildung oder des Studiums oft zur Ermunterung auf den Weg gegeben worden war, ab sofort stünde ihnen die Welt offen, sollte zur Jahrtausendwende durch die Globalisierung der Wirtschaft erstmals ihre Legitimation erfahren.
Die großen gesellschaftspolitischen Gegensätze der 1970er-und frühen 1980er-Jahre waren abgetragen oder hatten wie eine ausufernde Welle ihre Kraft verloren. Der still schlummernde, aber stets friedensbedrohende Ost-West-Konflikt hatte sich durch die Implosion der kommunistischen Machtblöcke von selbst erledigt. Sogar eine Versöhnung von Wirtschaft und Ökologie zeichnete sich mit der erstenrot-grünen Bundesregierung ab.Von diesen rosigen Zukunftsaussichten ist zum bevorstehenden Jahreswechsel landauf, landab nichts mehr zu spüren. Die Vorweihnachtstage und die Vorfreude auf Heiligabend kaschieren nur, was in diesen Tagen einer der Väter der Bundesrepublik, Konrad Adenauer, mit "die Situation ist da, die Lage ist nicht aussichtslos, aber beschissen" beschrieben hätte. Die Angst um den Euro, die Furcht vor einer lang anhaltenden Rezession, das unkontrollierte Schalten und Walten der Finanzmärkte haben Deutschland fest im Griff. Angst ist aber meist ein sehr schlechter Ratgeber. Was wäre uns allen also zum anstehenden Jahreswechsel zu wünschen? Ich meine einzig und allein ein Funken jenes Zukunftsglaubens, der die Menschen in den 1960er-Jahren beflügelt hat. Selbst der Optimismus am Beginn der Jahrtausendwende war nur ein billiger Abklatsch jenes Lebensgefühls, das die Menschen vor 50 Jahren verinnerlicht hatten.
Sie packten tatkräftig zu, arbeiteten hart und ruhten sich nicht auf Erfolgen aus. Und sie wussten trotzdem das Leben in vollen Zügen zu genießen. Der Rock'n'Roll, die Nylons und die erste Ausfahrt mit dem eigenen VW-Käfer waren Zeichen dieser lebensbejahenden Einstellung. Dass der Glaube Berge versetzen kann, bewies US-Präsident John F. Kennedy im Mai 1961 mit seiner Ankündigung, die Amerikaner würden "vor dem Ende dieses Jahrzehnts einen Menschen auf dem Mond landen und sicher zur Erde zurückbringen". Acht Jahre später hieß es "Mission accomplished". Toyota war eigentlich mit dem Slogan "Nichts ist unmöglich" vierzig Jahre zu spät dran! Es war dieser selbstlose, dieser unerschütterliche Glaube an eine bessere Zukunft, gepaart mit einer Prise Realitätssinn, den uns die Nachkriegsgeneration vorgelebt und der schließlich Deutschland ein Leben in Wohlstand beschert hat. Er wird wieder bitter nötig sein, wenn Europa nicht in einem "verlorenen Jahrzehnt" versinken soll, wie die IWF-Chefin Christine Lagarde in diesen Tagen befürchtet.
Frohe und besinnliche Festtage wünscht Ihnen Wolfgang Oberressl
PS: Wir bitten um Nachsicht, dass wir wegen der Insolvenz von manroland aus Gründen der Aktualität kurzfristig unsere gewohnte Blattstruktur im zweiten Teil des Heftes nicht beibehalten konnten.
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Werner Schneiders schwierigster Fall: der Komapatient manroland
Für die Pleite des Druckmaschinenherstellers manroland AG ist keineswegs allein die missliche Lage der gesamten Branche verantwortlich, wie Vorstand, leitende Mitarbeiter und Gewerkschafter jetzt nach dem Gang zum Insolvenzrichter beklagen. manroland war vielmehr an dem ruinösen Wettbewerb tatkräftig beteiligt, hat stur an Überkapazitäten festgehalten und soll sogar Schmiergeld gezahlt haben, um unlauter an Aufträge zu kommen. So der Vorwurf der Staatsanwaltschaft Darmstadt. Die Traditionsfirma hat sich auch geweigert – zuletzt 2009 als Juniorpartner beim Branchenprimus Heidelberger Druckmaschinen unterzuschlüpfen. manroland hat "aus Eitelkeit" (Handelsblatt) lieber den eigenen Untergang riskiert. Jetzt soll der Neu-Ulmer Insolvenzverwalter Werner Schneider, der bei Pleitefirmen wie Walter Bau, Trevira, Böwe Systec und Kögel-Fahrzeugbau geradezu Wunder vollbracht und ihnen neues Leben eingehaucht hatte, auch den Komapatienten manroland vor dem endgültigen Exitus retten. Zumindest der Standort Augsburg darf sich berechtigte Hoffnungen machen, zu überleben. Denn mit Schneider hat bei manroland erstmals nach Jahrzehnten ein Unternehmer und kein Manager das Sagen.
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Eine Personalie kündigte bereits Mitte Oktober den Zusammenbruch der manroland AG an. Dr. Markus Rall, der seit 2005 im damals noch vierköpfigen Vorstand für den Geschäftsbereich Bogendrucksysteme verantwortlich war, verließ Hals über Kopf den Augsburger Druckmaschinenhersteller, weil er das drohende Unheil einer Insolvenz aufziehen sah und längst zur selben pessimistischen Einschätzung der Zukunftsfähigkeit des Konzerns gekommen sein soll, die potenzielle Partner wie der Konkurrent Heidelberger Druckmaschinen AG bereits vor zwei Jahren oder der zum Schluss aufgetauchte Finanzinvestor Capvis Equity Partners AG nach einem Blick in die Bücher unverhohlen geäußert hatten. Rall wusste, dass er an der Restrukturierung des Verlustbringers Bogendruck gescheitert war, wollte aber keineswegs als Sündenbock vom Hof gejagt werden. Ein Unternehmen, das innerhalb von fünf Jahren eine Halbierung der Umsätze auf unter eine Milliarde Euro hinnehmen musste und seit 36 Monaten nur Verluste schreibt, reiht sich unweigerlich unter den "Morituri" der Wirtschaft, den Todgeweihten, ein.
Selbst wenn die Schweizer Beteiligungsgesellschaft Capvis Investor dem Augsburger Traditionsunternehmen in letzter Minute einen Rettungsring zugeworfen hätte, ehe manroland-Vorstandsvorsitzender Gerd Finkbeiner am 25. Oktober schließlich das Licht ausknipsen musste, hätte dies das Aus für den Bogendruck in Offenbach bedeutet. Bereits seit zehn Jahren ist in diesem Segment national und international nichts mehr zu verdienen gewesen, während mit Rollendruckmaschinen noch leidlich Geld zu verdienen war. Riesige Überkapazitäten und eine unsinnige Verdrängungsstrategie unter den Druckmaschinenherstellern, ein ruinöser Preiskampf aller Bogendrucker verbunden mit einer in ganz Europa bis heute anhaltenden Insolvenzwelle hatten das Geschäft sowohl für manroland als auch den Marktführer Heidelberg zuletzt zu einem Alptraum werden lassen.
Über dem manroland-Standort Offenbach läuteten spätestens seit 2009 die Sterbeglocken. Nur wollte es von den Betroffenen niemand wahrhaben. Sie hielten sich aus Angst vor der Wahrheit die Ohren zu. Schon damals war der Versuch gescheitert, die Nummer eins und die Nummer drei unter den weltweiten Druckmaschinenherstellern, die Heidelberger Druckmaschinen AG und die manroland AG, auf eine Fusion einzuschwören. Obwohl die einflussreiche Investmentsparte ACP des Versicherungskonzerns Allianz, die Allianz Capital Partners (gesamtes Anlagevermögen: 8,5 Milliarden Euro), an beiden Firmen beachtliche Beteiligungen hielt – an "Heidelberg" 12 Prozent und an manroland 65 Prozent – waren die jahrzehntelangen Konkurrenten nicht unter ein Dach zu zwingen. Damals meinten die Augsburg/Offenbacher während der Fusionsverhandlungen noch auf Augenhöhe mit den Mannen aus Heidelberg verhandeln zu können, während ihr Umsatz innerhalb eines Jahres (2008/2009) von 1,73 Milliarden Euro um ein Drittel auf 1,11 Milliarden Euro einbrechen sollte. Das Handelsblatt kommentierte diese Haltung rückblickend mit "manroland scheiterte an seiner Eitelkeit". Die Heidelberger Druckmaschinen – seit 2009 selbst immer in schwerer See unterwegs, aber politisch bedeutend besser als manroland vernetzt – konnten nach einem tiefen Blick in die Bücher der Augsburger das Ende von manroland aussitzen und darauf vertrauen, dass sie eher ein Rettungsboot auffischen würden als die Augsburger. Ende November zitierte das Handelsblatt einen manroland-Konkurrenten aus besseren Zeiten, die Augsburger hätten zum Schluss "nichts außer Restrukturierung und Kurzarbeit zu bieten" gehabt. Noch abschätziger hätte man über die verfahrene Situation in Augsburg und Offenbach nicht lästern können, wenn man selbst tief in der Bredouille sitzt. Die Kursgewinne von Heidelberg und Koenig & Bauer am 25. November nach Eintreffen der Botschaft von der manroland-Pleite von gut elf Prozent werden sich schnell als Strohfeuer entpuppen und sind nicht von einer substanziellen Erholung der Branche unterlegt.
Denn der Branche der Druckmaschinenhersteller steht weltweit das Wasser bis zum Hals. Auch der Branchendritte Koenig und Bauer (KBA) in Würzburg liegt seit fünf Jahren auf der Intensivstation. Aber eine Konsolidierung des Wirtschaftszweiges scheint jetzt in greifbare Nähe gerückt zu sein, denn die Investoren wollen nicht weiter bündelweise gutes Geld schlechtem hinterherwerfen. Da kommt ihnen die Insolvenz oder eine Zerschlagung bzw. Schließung von Produktionsstandorten von manroland gerade recht. Der Augsburger/Offenbacher Konzern ist geradezu ideales Schlachtopfer, da die Vorwürfe aus dem vergangenen Dezember, manroland-Vertriebsmitarbeiter hätten zwischen 2002 und 2007 durch dubiose Zahlungen das notleidende Geschäft angekurbelt, immer noch im Raum schweben. Wenn das Stichwort "Korruption" im Spiel ist, zeigt heute der manroland-Mitgesellschafter MAN besondere Sensibilität, da der Nutzfahrzeugkonzern 2009 selbst in einen Schmiergeldsumpf verwickelt war, der am Ende dem damaligen MAN-Chef Hakan Samuelsson den Job und der Firma 250 Millionen Euro an Anwaltshonoraren und Bußgeldern kosten sollte.
Das Aus für manroland, eines deutschen Industrieunternehmens der Gründerzeit (*1848) mit 6.500 Mitarbeitern, war jedoch mit Sicherheit nicht eine einsame Entscheidung der beiden eingetragenen Hauptgesellschafter, des ehemaligen manroland- Mutterkonzerns MAN und der Allianz Capital Partners. Eine solch wichtige industriepolitische Weichenstellung wird bei uns immer noch auf der Kommandobrücke der vermeintlich außer Dienst gestellten Deutschland AG gefällt. In diesem Fall ist das Aus für manroland zumindest mit der Billigung durch die Bosse der Obergesellschaften von MAN und ACP, durch die Herren im Nadelstreif in Wolfsburg (VW) und in München (Allianz Versicherung) geschehen.
Der Münchner Finanzkonzern hatte unmittelbar nach der Anmeldung der Insolvenz des Augsburger Unternehmens die volksnahe Begründung parat, dass er seinen Kunden, die bei ihm eine Lebensversicherung kontrahiert hatten, Verluste aus seiner Beteiligung an manroland nicht weiter zumuten könne. Und im Reich von VW-Patriarch Ferdinand Piech sind autoferne Geschäftsbereiche schon immer sehr schnell zurechtgestutzt und Verlustbringer ohnehin immer als Erstes aussortiert worden. Im Fall manroland hat ein Ferdinand Piech, selbst wenn er es gewollt hätte, erst gar nicht den Daumen über manroland senken müssen. Solche Aufgaben exekutieren seine Manager inzwischen in vorauseilendem Gehorsam. Wie wenig sich die manroland-Pleite auf den Aktienkurs von MAN oder den der Allianz auswirken sollte, mussten die Mitarbeiter am jüngsten "Schwarzen Freitag" der Augsburger Industriegeschichte, am 25. November 2011, erfahren: MAN SE-Inhaberstammaktien gaben zum Vortag um lausige 0,67 Prozent nach (56,34/55,97 Euro). Die Allianz-SE-vinkulierten Namensaktien legten sogar um 0,69 Prozent (65,34/65,79 Euro) zu. Die Börse hat den Exitus von manroland und den möglichen Verlust von 6.500 Arbeitsplätzen nicht einmal zur Kenntnis genommen. Die gut eine Milliarde Euro, die die ACP seit ihrem Einstieg in 2006 bei dem Druckmaschinenhersteller, wie sich jetzt herausstellte, verbrannt hatte, hatte der Versicherungsriese längst in seinen Bilanzen verdaut.
Aber die Allianz wollte nicht mehr länger Blutspender für die Augsburger und Offenbacher sein. manroland ist mit gut 150 Millionen Euro verschuldet und fährt im laufenden Jahr abermals einen hohen zweistelligen bis dreistelligen Verlust ein. Die Allianz bzw. ihre Tochter ACP hätte also der Schweizer Investmentgesellschaft Capvis mindestens weitere 300 bis 400 Millionen Euro Mitgift in Aussicht stellen müssen, um die Braut an den Mann zu bringen und – so ein von der Insolvenz berührter Insider aus der Verlagsindustrie – halbwegs attraktiv auszustaffieren. Dazu war die ACP nicht gewillt, weil sie das Siechtum aller Druckmaschinenhersteller nur künstlich verlängert hätte und zugleich den Branchenprimus Heidelberg Druck, an dem sie ja nach wie vor 12 Prozent hält, einen Bärendienst erwiesen hätte. Die ACP wollte sich einfach nicht weiter ins eigene Fleisch schneiden und ließ den Komapatienten manroland endgültig fallen, der 2009 nicht gewillt war, sich unter die Fittiche der Heidelberger Druckmaschinen AG zu begeben. Fachleute geben jetzt einzig und allein der Sparte Rollendruck eine Überlebenschance, allerdings nur an der Seite von Koenig & Bauer oder Heidelberg. So eine erste Einschätzung eines Beschaffungschefs eines großen Hamburger Verlagshauses. Eine Stand-alone-Lösung von manroland hält er "auch für die Rolle wirtschaftlich nicht darstellbar".
Jetzt müssen die Maschinenbauer in Augsburg, Offenbach und Plauen erst mal nach der Pfeife eines Unternehmers tanzen, auch wenn die offizielle Funktion von Werner Schneider die eines Insolvenzverwalters ist. Die Maschinenbauer in Schwaben, Hessen und Sachsen haben Glück gehabt, dass ihr tiefer Fall vom Amtsgericht Augsburg durch die Bestellung von Schneider zumindest fürs Erste sanft abgefedert worden ist. Das Tauziehen hinter den Kulissen um das millionenschwere Mandat der insolventen manroland AG haben die Mitarbeiter nicht einmal mitbekommen.
Die Kanzlei Schneider, Geiwitz & Partner zählt immerhin zu den ausgebufftesten und erfahrensten Insolvenzverwaltern in Deutschland. Werner Schneider (siehe Titelgeschichte der edition:schwaben 3/2009) gehört dem elitären Gravenbrucher Kreis an, in dem sich die Spitze der Insolvenzverwalter ihr eigenes Forum zum Erfahrungsaustausch geschaffen hat. Zutritt ist nicht gestattet und wird nur auf Einladung gewährt. Schneider kann auf seiner Habenseite außerdem verbuchen, dass er eine einzigartige Performance aufweisen kann, was die Erhaltung von Arbeitsplätzen nach Eintritt der Zahlungsunfähigkeit von Unternehmen betrifft. Die Zahl der von ihm geretteten Arbeitsplätze dürfte um die 10.000 liegen. Wer in Werner Schneider also einen Firmenbestatter sehen sollte, liegt völlig falsch. Er ist ein Unternehmer mit Leib und Seele, stark in der Analyse, zielstrebig, schnell, geradezu ungeduldig und klar im Urteil. In seinem Umkreis können sich keine Weichspüler und Plaudertaschen halten. Er schätzt eine knappe und präzise Ausdrucksweise. Seine Fantasie sollte man deswegen nicht unterschätzen. Das mussten das thailändische Königshaus und die libanesische Regierung erfahren, als er die Begleichung von Altschulden aus der Walter-Bau-Pleite durch den Arrest von Passagierflugzeugen auf den Flughäfen von München und Athen erzwungen hatte. Der ausgeprägte Individualist wollte eigentlich schon vor zwei Jahren etwas kürzer treten, doch er scheint nach wie vor unbändige Lust auf besonders schwierige Fälle zu haben. Mit seinen 68 Jahren und der Aufarbeitung der Großinsolvenz "manroland" will Schneider sich wohl ein letztes Mal beweisen, dass seine Selbstbeschreibung aus dem Jahr 2009, "Die Qualität der Arbeit ist im Alter besser, weil man abgeklärter wird", seinem eigenen Urteil noch standhält. Vor diesem Hintergrund hätte der Patient manroland auf keinen besseren Arzt treffen können. Der Maschinenbauer mit 156 Jahren Vergangenheit ist Werner Schneiders letzter großer Fall. Er wird alles daransetzen, dass er eine Zukunft hat.
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Mateso erobert mit seiner Software "Password Safe" Deutschlands DAX-Firmen
Die Gersthofer Firma würde es von ihrer Mannschaftsstärke her gerade noch schaffen, in der größten olympischen Bootsklasse, dem Achter mit Steuermann, dabei zu sein. Fußball scheidet für die Gersthofer vorerst als Mannschaftssport aus, weil die Mateso GmbH in der Daimlerstraße noch keine elf Mann auf das Spielfeld schicken könnte. Trotzdem spielt Thomas Malchar mit seinem achtköpfigen Team in seinem Business in der europäischen Champions League mit. 18 der 30 größten DAX-Konzerne kann die Mateso inzwischen zu ihren Kunden zählen. Sie kaufen ausschließlich bei den Schwaben die Software für das Passwortmanagement ihrer Konzerne ein. Das Geschäft "Identity-Management" ist heute noch ein nahezu unbestelltes Feld. Firmen wie Mateso steht ein goldenes Zeitalter bevor, weil kein PC, kein Laptop, kein Server ohne gültiges Passwort seine Inhalte mehr preisgibt oder einen Zugriff gestattet.
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In den USA waren es meist Garagen, in denen Computer-Freaks und Software-Tüftler ihre Ideen ausbrüteten, die seit Erfindung von PC und digitaler Kommunikation Jahr für Jahr die IT-Branche in Aufregung versetzt haben. Kellerräume sind ja in der amerikanischen im Gegensatz zur europäischen Eigenheimarchitektur bis heute nicht vorgesehen. Folglich musste die noch junge Erfolgsgeschichte der Gersthofer Softwarefirma Mateso – um im Bild zu bleiben – ihren Anfang im Keller des Hauses von Thomas Malchar (36) nehmen.
Malchar war bereits mit 26 Jahren Entwicklungsleiter einer IT-Abteilung und ärgerte sich zusehends über die umständliche Passwortverwaltung, die selbst in einem mittelständischen Unternehmen notwendig geworden war. Akribisch wurden in der IT-Abteilung zuerst Excel-Tabellen erstellt, um das Passwort jedes einzelnen Mitarbeiters festzuhalten und an einem vermeintlich sicheren Ort aufzubewahren. Im Laufe der Zeit wurde die Passwortzuteilung und -erfassung für die Systemadministratoren immer umfangreicher, da natürlich nicht jedem Mitarbeiter in alle Daten der Firma Einblick gewährt werden sollte. Alle Unternehmen – spätestens ab einer Größe von 20 Mitarbeitern – sollten früher oder später vor denselben Problemen stehen: So sollte ein Techniker nicht im Datenpool der Personalabteilung fischen können oder etwa der Außendienst keinen Zugriff auf die vertraulichen Unternehmensdaten des Firmenchefs haben. Die Zugangsberechtigung wurde so über kurz oder lang für die IT-Verantwortlichen in allen Firmen zu einem sicherheitsrelevanten Thema – völlig unabhängig von der Installierung einer effizienten Firewall, um das Wissen des Unternehmens vor externen Angriffen durch Viren, Spy-Software oder Hacker zu schützen.
Das Kreuz mit den Passwörtern erreichte in den Firmen eine neue Dimension, als in der digitalen Kommunikation von Geschäftspartnern und Kunden ebenfalls Passwörter verlangt wurden, um etwa Lieferdaten für Produkte einstellen oder eine banale Online-Bestellung vornehmen zu können. Thomas Malchar erinnert sich an die Zeit, als bei ihm die Idee reifte, eine Software für die sichere Verwaltung von Passwörtern zu entwickeln: "Zum Schluss musste ich allein für meine persönlichen und beruflichen Bedürfnisse an die 100 Passwörter vorhalten." Bei seinen Recherchen stieß Malchar weder auf ein benutzerfreundliches noch auf ein sicheres Softwareprogramm, das am Markt durch ein paar Klicks zu kaufen und in wenigen Minuten zu installieren war. Darüber hinaus sollte die Software Zeit und Geld sparen helfen.
Vodafone kaufte als erster Kunde über 2.000 Lizenzen
Noch heute notieren konservative Geister die Codes penibel auf Papier und verstauen diese sensiblen Informationen feinsäuberlich in einer Schreibtischschublade. Handy-Freaks legen sie auf ihren iPhones unter Notizen ab, ohne sich weiter um die Sicherheit der Daten zu kümmern. In vielen Firmen werden die Passwörter aller Mitarbeiter inklusive der Stufen individueller Zugangsberechtigung noch immer mit Formularen verwaltet. Wo dieser Schatz aufbewahrt ist, weiß meist nur der Systemadministrator. Fällt dieser aus – sei es, dass er im schlimmsten Fall das Unternehmen mit seinem Herrschaftswissen im Streit verlässt oder durch einen Unfall nicht greifbar ist –, kommt kein anderer an die Passwörter heran. Die Folgen können sich dramatisch auswirken: Die Firma ist dann für mehrere Stunden lahmgelegt.
Dieser Gefahr wollte Thomas Malchar vorbeugen und begann an einer Software zur digitalen Passwortverwaltung zu basteln, die sowohl für den privaten Bedarf wie für Großunternehmen einsetzbar sein sollte. Drei Jahre, von 1998 bis 2001, schrieb Malchar – damals noch im Angestelltenverhältnis – während seiner knapp bemessenen Freizeit an dem Programm, bis er es zur Marktreife entwickelt hatte. Der heutige Jungunternehmer war von seinem Ergebnis so überzeugt, dass er sein Produkt gleich der IT-Abteilung des deutschen Ablegers des Mobilfunkanbieters Vodafone vorstellte. Die Mobilfunker waren von Malchars Software so angetan, dass sie nach kurzem Überlegen für 2.000 Arbeitsplätze Lizenzen erwarben. Nach diesem vielversprechenden Einstieg gab Malchar sein Arbeitnehmerdasein auf und wagte den Sprung in die Selbstständigkeit.
Der Clou von Malchars Software ist, dass das Programm jedes einzelne Passwort – entsprechend der Zugangsberechtigung – selbst generiert und dieses für den einzelnen Nutzer gar nicht zu entschlüsseln ist. Er sieht auf dem Bildschirm nur die in der Horizontalen angeordneten schwarzen Punkte. Der Nutzer muss sich also nur ein einziges, sein eigenes Passwort merken, um sich in das System seiner Firma einzuloggen. Alle anderen Passwörter, die er benötigt, sind in einem Ordner hinterlegt und werden ihm je nach Zugangsberechtigung automatisch zugeteilt. Das System erkennt in jedem Einzelfall auf Anhieb, ob ein Passwort zum Einloggen in eine Datenbank notwendig ist, ob der User überhaupt berechtigt ist, darauf zuzugreifen, und offeriert ihm bei Freigabe schließlich sofort den verschlüsselten Code, um ihn per Maus in das entsprechende Log- in-Feld zu transportieren. Die Tür zu den benötigen Datenschätzen tut sich dann selbsttätig auf. Dieser installierte Schnellzugriff des Programms "Password Safe" von Mateso macht Schluss mit dem mühsamen Suchen nach Passwörtern, schließt das leidliche Vertippen aus und beschleunigt somit die Arbeitsprozesse. Der Verlust von Passwörtern ist bei Matesos Software ein für allemal ausgeschlossen.
Der Password-Ordner des Nutzers ist sauber strukturiert. Er kann nach Favoriten, nach Aufgabengebieten, nach privaten oder beruflichen Kriterien angelegt werden. Selbst das Logo von Lieferanten, Kunden oder Banken kann eingespielt werden. Gehen die Passworte in die Hunderte, ist ein Schnellsuchsystem behilflich. Zusätzlich können Tags, die bei jedem Passwort hinterlegt werden können, helfen, bestimmte Datensätze schnell zu eruieren. Selbstverständlich erkennt das Dokumentenmanagementsystem, wenn ein Dokument geändert wurde, und schreibt nach einer Bestätigung den geänderten Dokumentenzustand automatisch in die Datenbank zurück.
Matesos Software läßt sich für jede Branche einsetzen.
Malchar hat sein "Password Safe" so fein ausgetüftelt, dass es ein so genanntes Siegel-System beinhaltet. Je nach Sicherheitsstufe müssen sich sogar zwei oder drei Nutzer einloggen, um an einen Datenbestand heranzukommen. Damit ist für sehr sensible Daten sogar das Vier- oder Sechsaugenprinzip gewahrt. Die Sicherheitsvorkehrungen bei der Version "Enterprise" gehen bei Bedarf so weit, dass beispielsweise der Zugang zu den Daten zeitlich limitiert ist oder auch nur der Ausdruck oder das Kopieren von Datensätzen nicht möglich ist und einer zusätzlichen Berechtigung bedarf. Es liegt allein am Unternehmer, wie weitmaschig oder eng er sein Sicherheitsnetz für die Daten seiner Firma knüpft, welche Hierarchien er für die Zugangsberechtigung seiner Mitarbeiter vorsieht. "Password Safe" in der Version "Enterprise" lässt sich tagesaktuell auf die Bedürfnisse der Firma nachjustieren. Außerdem wird jeder Zugang automatisch protokolliert, um eventuell einem firmeninternen Missbrauch nachgehen zu können.
Thomas Malchar, ein gelernter Kaufmann und leidenschaftlicher Software-Entwickler, weiß, dass das Thema Datensicherheit in vielen Firmen erst an Bedeutung gewinnt und er aus unternehmerischer Perspektive seine Mateso erst auf die Startrampe geschoben hat: "Bei uns geht das Geschäft jetzt erst richtig los!" Inzwischen hat er die fünfte Version seiner Software, die völlig branchenunabhängig anwendbar ist, auf den Markt gebracht. Die Daten werden durch zwölf aktuelle und quelloffene Verschlüsselungsalgorithmen geschützt. Die Lizenzen für "Password Safe" sind derzeit als "Standard Edition", "Professional Edition" und "Enterprise Edition" zu erwerben.
Es waren in den letzten fünf Jahren vor allem die IT-Abteilungen großer Unternehmen, die sich zuerst für das Passwort- und Identifikationsmanagement aus Gersthofen begeistern konnten. Auf Malchars Kundenliste stehen Firmen wie VW, BMW, die Commerzbank, die Deutsche Börse, PricewaterhouseCoopers, die Siemens AG, die Winterthur Versicherungen oder die Deutsche Post. 18 der 30 größten DAX-Firmen arbeiten mit "Password Safe". Aber auch viele mittelständische Firmen wie die Schmid Logistik-Gruppe in Gersthofen oder die Bauer Aktiengesellschaft in Schrobenhausen arbeiten inzwischen mit "Password Safe". Über fünf Millionen private und professionelle Anwender vertrauen der Sicherheitssoftware aus Bayerisch-Schwaben. In Deutschland, der Schweiz und Österreich ist Mateso unangefochtener Marktführer. Wer immer bei Google nach "Passwortsicherheit" sucht, wird Malchars Software auf einem der drei Spitzenplätze finden, weil der private Nutzer sich die Einstiegsversion gratis herunterladen kann. Ernsthafte Konkurrenten (Malchar: "Zwei, drei!") tummeln sich nur in den USA. Malchar und sein Marketing- und Sales-Manager Christian Strobel, ein Diplomwirtschaftsinformatiker, sind äußerst gelassen, wenn sie über die Zukunft von Mateso sprechen. Ein Börsengang ist zwar für die beiden derzeit kein Thema. "Aber ich schließe es nicht aus, dass wir über kurz oder lang als Übernahmekandidat gehandelt werden", resümiert Thomas Malchar. Doch der Jungunternehmer scheint warten zu können. Die erste Stufe der Software-Rakete "Mateso" wird er auf alle Fälle noch selbst zünden.
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Fünf Künstler auf ihrer Reise durch eine Galaxie der Gefühle
Wer im Berufsleben im Rampenlicht steht, dem sind die Momente wohlvertraut: die Minuten vor und nach einem Auftritt. Der eine zieht sich zur Konzentration in eine stille Ecke zurück, ehe er ans Rednerpult tritt. Der andere geht völlig unbeschwert in eine Präsentation, weil er sich seiner Sache sicher ist. Schauspieler und Sänger, deren Bühne das Theater ist, stehen vor einer völlig anderen Situation. Sie müssen ihre eigene Identität ablegen und in die Rolle einer anderen Person schlüpfen, um sie so glaubwürdig und überzeugend spielen zu können, dass sie das Publikum in ihren Bann ziehen. Das kostet Kraft, verlangt Hingabe und Leidenschaft. Auch weil sie sich niemals sicher sein können, dass der Funke auf Zuschauer und Zuhörer überspringt. So erleben das Abend für Abend die Künstler des Theaters Augsburg. Entsprechend minutiös ist die Vorbereitung für den Auftritt – und so prickelnd oder lähmend sind die Sekunden nach dem Fall des Vorhangs, wie Julika Jahnke (Text) und Klaus Lipa (Fotos) erleben durften.
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Kerstin Descher in der weiblichen Hauptrolle von Georges Bizets "Carmen" am 5. November 2011
Vorher In der Maske lässt Kerstin Descher sich heute lieber nicht schminken. Dort ist jetzt jeder Platz besetzt. In ihrer eigenen Garderobe liegt daher nun vor ihr ein Meer aus Farbnäpfchen, Haarnadeln, Puderpinseln, daneben die schwarze Carmen-Perücke auf einem Styroporkopf. "Ich brauche Ruhe. Egal ob drei Leute im Publikum sitzen oder 5000, ich bin immer sehr nervös. Und ich brauche Zeit, um den inneren Fokus – die Kamera – scharf zu stellen." Statt wie sonst am Wasserglas, nippt sie heute an einem Ingwer-Vitamin-Trunk, um eine Erkältung im Zaum zu halten. In stiller Sorgfalt tupft die Maskenbildnerin ihr grell-türkises Puder auf die Augenlider. "Während ich hier so sitze, versuche ich, meine Nervosität in Grenzen zu halten, auch wenn\'s nicht so aussieht." Descher lacht schallend. "Lampenfieber ist ein Engelchen und ein Teufelchen. Der eine sagt "Komm, das hast du doch schon gemacht. Du kannst da heute ganz locker rangehen." Der andere sagt: "Ja, aber wenn du da nicht aufpasst, dann singst du eine falsche Note." Zwei voluminöse schwarze Wimpernkränze landen mit höchster Präzision auf ihren Augenlidern. Bald treffen die Ankleiderinnen ein. "Mir hilft es sehr, wenn man liebe Menschen um sich hat, die einen so gut versorgen. Das hat auch was mit Fürsorge zu tun." Hier in der Garderobe wird Descher sich auch einsingen, kurz bevor die Vorstellung beginnt. "Ich bin ein Knappgeher auf die Bühne, damit es gleich losgehen kann und mich nichts ablenkt. Ich lege den Hebel um, in den letzten Sekunden bevor ich die ersten Schritte auf die Bühne mache. Dann denke ich nicht mehr privat."
Nachher Make-up- und blutverschmiert – Descher ist nun eine matte, aber fröhliche "Carmen". Sie ist in dem guten Gefühl abgegangen, 100 Prozent von dem gegeben zu haben, was sie draufhat. "Die Seguidilla ist immer das Einzige, wo ich mich frage, ob das wohl gutgeht." Diese leise Arie muss sie aus dem Bühnenhintergrund singen. "Herr Kaftan hilft mir da sehr. Wir haben das gut trainiert in den Proben." Heiter zieht Descher ihr rotverschmiertes Kleid aus, lässt sich das Theaterblut vom Rücken wischen. "Ich kann jetzt nicht sofort schlafen. Der Körper ist jetzt schon müde, aber der Kopf ist halt noch wach. Vielleicht trinke ich noch einen Tee." Immer wieder beschäftigt sie, warum das Publikum so reserviert wirkte. "Man merkt, dass die Menschen dem eher ablehnend gegenüberstanden." Sie meint die Schlussszene, die in einem wahren Blutbad endet. Aber die schönsten Momente des Abends liegen nicht nur im Schlussapplaus. Descher strahlt: "Sondern kurz davor, wenn ich daliege und der Kollege kommt und sagt, "komm, wir stellen uns jetzt zusammen in eine Reihe". Heute sagte er nur trocken "nach Hause". Dann fällt die Anspannung ab. Descher lacht herzlich und blickt auf die kleine Brücke aus Lego, die vor dem Spiegel steht, dahinter ein Foto ihres sechsjährigen Sohnes und ihres Mannes. "Ja, das sind meine Männer", lächelt die Mezzosopranistin.
Eberhard Peiker als Richter und in weiteren Rollen in "Die Ermittlung" von Peter Weiss am 6. November 2011
Vorher "Eigentlich bin ich der Meinung, das geht das Publikum gar nichts an, was ich vor der Vorstellung mache oder denke. Das Publikum soll das Geheimnis "Theater" nicht unbedingt durchschauen. Die sollen kommen, sich überraschen lassen und wieder gehen." Peiker sitzt vor der Seitentür des Gerichtssaales im Augsburger Justizpalast. Das Publikum kümmert ihn im Moment noch nicht. "Das Publikum kommt, hat bezahlt, ich versuch, mein Bestes zu geben und meine Kollegen und Kolleginnen sicher auch. Sogar ganz bestimmt." Dass er heute nicht auf einer Theaterbühne spielt, macht für Peiker keinen Unterschied. Wohl aber, dass das heutige Stück den Frankfurter Ausschwitz-Prozess in Szene setzt und detailliert die Grausamkeiten im Konzentrationslager beschreibt. "Das schockiert das Publikum und nimmt auch uns ganz schön mit. Sich immer wieder damit auseinanderzusetzen, kann einen wirklich in den Grundfesten erschüttern. Und es sind auch oft Leute im Publikum, die es einfach nicht mehr aushalten. Die Grausamkeiten. Aber sie haben stattgefunden, ganz real."
Nachher "Das sind ja Vorgänge, das glaubt man eigentlich gar nicht! Das ist ja Irrsinn! Und wir leben trotzdem toll weiter! Und der Massenmord war perfekt organisiert. Drum weiß man ja, wie viele Menschen umgekommen sind, das war dokumentiert. Ich bin jedes Mal ziemlich erledigt nach der Vorstellung: Zwei Stunden lang das um die Ohren zu kriegen, auch wenn man das schon so und so oft mitgemacht hat. Als ich am Schluss wieder den Richter gespielt habe, da war genau vor mir – und das musste ich sehen – eine Frau, die geheult hat wie ein Schlosshund. Und da musste ich selber mit mir kämpfen, muss ich sagen." Peiker wendet sich ab, mit erstickter Stimme. "Die hat Rotz und Wasser geheult. Es ist nichts, was man so abstreift, wie ein normales Stück. Auch wenn man es tausendmal gehört hat. Was mich am meisten erschüttert, ist, dass so viele Akademiker beteiligt waren. Und dieses Unfassbare einer Massensuggestion, die da stattgefunden hat, geht mir immer wieder durch den Kopf. Das Theater hat mich gefragt, was ich machen will, in dieser Saison, da hab ich dann gesagt: "Das möchte ich machen, weil es mir ein Herzensanliegen ist. Je mehr junge Leute auch drin sind und das hautnah erfahren, desto besser. Das ist ein Glücksfall für uns. Die das dann auch zu Hause weitertragen oder in der Schule, das finde ich ganz ganz wichtig für uns. Diese junge Frau, die hat mich mitgenommen. Das geht einem einfach nahe. Ich konnte nicht weggucken. Das ist ja nicht so wie sonst auf der Bühne, wo man durch das Licht niemanden sieht. So meine lieben Freunde, ich muss jetzt nach München. Ich fahr jetzt nach Hause, das geht schon."
Sophia Brommer als Bauernmädchen Michaela in der Oper "Carmen" am 5. November 2011
Vorher Nach außen hin die Ruhe selbst – so lässt Sophia Brommer sich in der Maske vom Licht vieler Lampen und von französischen Chansons aus dem CD-Spieler umfluten. Vor dem Spiegel eine Flasche mit stillem Wasser, die dunkelbraune Lockenpracht in intensivster Bearbeitung durch den Maskenbildner. "Ich bin immer nervös, besonders vor Premieren. Deshalb gehe ich immer sehr, sehr früh ins Theater." Sie geht ihre Partie durch, kontrolliert die Requisiten. Jetzt, in der Maske, kann sie sich sammeln, in die Rolle hineinfinden. Ihre Technik gegen Nervosität? "Weiteratmen." Ein lebenslustiges Lachen schüttelt sie. Es ist Samstag, die Woche war anstrengend. Heute vormittag hat sie "Lulu" von Alban Berg geprobt. Die Umstellung ist schwer. "Musikalisch könnten Lulu und die Michaela in "Carmen" nicht weiter auseinanderliegen – emotional auch nicht." Mittels Haarspray bekommt eine breite Haarsträhne, quer über die Stirn gelegt, ihren endgültigen Platz. "Man schont sich natürlich in der Probe, wenn abends Vorführung ist und kann stimmlich nicht ganz so an seine Grenzen gehen." Mittags läuft sie dann noch ihre Joggingrunde, um den Kopf frei zu bekommen. In der Garderobe der Sopranistin liegen jetzt schon zwei Zigaretten vor dem Spiegel bereit, zum Rauchen auf der Bühne. "Das sind Kräuterzigaretten, die wahnsinnig stark nach Haschisch riechen, finde ich. Nicht dass ich selber Haschisch geraucht hätte!" Brommer kann sich vor Lachen kaum noch halten. "Aber schon mal gerochen.". Nebenan spielt sich das Orchester ein – eine Kastagnetten-durchflochtene Kakophonie. Sophia Brommer muss sich umziehen, eine verlegte Requisite suchen. Danach wird sie noch einmal über die Bühne gehen – probehalber. Hat sie ein gutes Gefühl? Jedenfalls "kein schlechtes". Auch das quittiert sie mit einem Lachen.
Nachher "Es war eine ganz schöne Vorstellung. Das Publikum war etwas ruhiger, hatte ich das Gefühl." Es ist die vierte Vorstellung der Spielzeit. Ernst wirkt Sophia Brommer nun, aber immer noch frisch. "Die Partie ist natürlich überschaubar." Heute gab es jedenfalls keine Pannen. "Mir ist auch schon passiert, dass ich meine Handtasche draußen liegen gelassen hab, in der meine kompletten Requisiten drin sind." Doch fröhlich oder euphorisch ist sie nicht gestimmt. "Das Ende geht mir jedes Mal so nahe. Ich bin aber froh, dass ich gemeinsam mit den Kollegen den Abend über die Bühne gebracht habe, ich bin ergriffen." Wenn der Vorhang fällt und der Applaus ertönt, ist sie meist noch "wie unter einer Dunstglocke". Dann genießt sie den Applaus, der ihr immer sehr kurz vorkommt. "Ich freue mich dann jedes Mal wieder, dass ich auf der Bühne stehen durfte. Es fällt Druck ab und das ist ein schönes Gefühl." Auf die Sopranistin warten nun noch zwei Bekannte, mit denen sie sich treffen will. Wochentags geht das nicht, dann ist am nächsten Morgen wieder Probe. Und selbst morgen, am Sonntag, wird sie noch einiges vorbereiten.
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Individueller leben mit Ayurveda: mehr als ein Wellness-Programm
Die Wiege des Ayurveda steht im heutigen Indien. Die Anfänge des ältesten ganzheitlichen Medizinsystems liegen mehr als 3000 Jahre zurück. Über viele Generationen wurde die "Wissenschaft vom Leben" immer weiter verfeinert und an die jeweiligen Anforderungen angepasst. Noch heute feiert Ayurveda in Indien und Sri Lanka seine großen Erfolge in der Vorbeugung und Behandlung vieler Krankheiten. Dabei liegt der Schwerpunkt auf der grundsätzlichen Auseinandersetzung mit dem Leben, seinen Kausalitäten, Gesetzmäßigkeiten und Abweichungen. Immer häufiger wird die Überlebensphilosophie auch bei uns im Westen als Ergänzung und Bereicherung in Heilungsprozesse der klassischen Medizin mit eingebunden. Von Susana Frank
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Die häufigsten Angebote aus dem Bereich des Ayurveda kommen meist aus dem Wellness- Programm von Hotels. Day-Spas und Massagetempel lassen das Herz für einige Stunden zu Recht höher schlagen. Nicht selten findet der gehetzte, rastlose und ausgelaugte Mensch dort schnelle, wenn auch kurzlebige Lösungen in Form von Anwendungen und Ernährungstipps für die Entgleisung seines körperlichen und seelischen Gleichgewichtes, um anschließend baldmöglichst wieder in vollem Umfang seine ehrgeizigen Ziele weiterzuverfolgen.
Das tatsächliche Anliegen des Ayurveda wird jedoch nur selten hinterfragt. Möchten wir offen und ehrlich wissen, was uns gesund erhält – was uns krank macht? Sind wir wirklich bereit, uns selber an sinnvollen Strategien für einen gesunden Lebensweg zu beteiligen? Oder laufen wir häufig am Wesentlichen vorbei – vor lauter Angst, wir könnten am Wegesrand etwas finden, was nicht in Zahlen, Kurven und Diagrammen auszudrücken ist?
Um die Einzigartigkeit des Menschen zu erklären, erschien es den Medizinmännern der damaligen Zeit zu wenig, dass nur Organe, Organsysteme und Infrastrukturen für die Erhaltung des inneren Milieus (Homöostase) und die Arterhaltung zuständig sein sollten. Sie wiesen darauf hin, dass es über das Erleben, die Emotion, die Erfahrung und Wahrnehmung hinaus noch andere Kriterien gibt, die man mit einbeziehen müsste, damit die Vorstellung eines gesunden Ganzen vervollständigt wird. Eine ergänzende Struktur wurde gesucht und gefunden. Das Ausschlaggebende, das dieses medizinische System so einmalig und ganzheitlich macht, ist die Einbeziehung der Kräfte der fünf wesentlichen Elemente, die alles Lebende mitbestimmen. Es sind die Energien von Erde, Wasser, Feuer, Luft und Äther. Sie beeinflussen maßgeblich unsere körperlichen, geistigen und seelischen Prozesse mit. Diese so genannten Bioenergien werden auch "Doshas" genannt. Die drei Doshas sind Kapha (Erde und Wasser), Pitta (etwas Wasser und Feuer) und Vata (Luft und Äther).
Kapha steht für Stabilität, Festigkeit und Ordnung. Ausgeglichenheit, Toleranz und alle körperlichen Rhythmen werden von der Energie der Erde und des Wassers beeinflusst. Pitta steht für sämtliche Umwandlungsprozesse. Das innere Feuer ist zuständig für einen scharfen Intellekt, gutes Durchsetzungsvermögen und Zielorientiertheit. Vata reguliert alle Bewegungsprozesse und Aktivitäten. Ein wacher und kreativer Geist wird meist von Luft genährt. Trockenheit, Anpassungsfähigkeit und Sensibilität sind wesentliche Eigenschaften. Dabei steht Äther für das "All-Umfassende", für Leichtigkeit und Durchdringung.
Um das Leben sinnvoll zu gestalten und die Leistungsfähigkeit zu erhalten, werden selbstverständlich Anteile aller Bioenergien benötigt. Doch die Verteilung der Doshas ist ganz individuell. Die Wirkungsweise ist bei jedem Menschen anders. Es können zehn verschiedene Energiekombinationen bestimmt werden. "Tridosha" entsteht bei gleichen Energieanteilen von Kapha, Pitta, Vata. Sechs verschiedene Mischformen entstehen, bei denen jeweils zwei Doshas dominieren. Drei Typen werden durch reine Dominanzen von Kapha, Pitta oder Vata bestimmt. Das Einbeziehen der verschiedenen Kräfteanteile erklärt aus der Sicht des Ayurveda, warum Therapien bei Menschen oft unterschiedlich wirken. Warum es häufig so schwer ist, Verallgemeinerungen auszusprechen und Pauschallösungen unmöglich zu sein scheinen. Die individuelle Verteilung der Doshas wird auch Konstitution – Prakriti – genannt. Eine Störung dieser eigenen Natur im Laufe des Lebens wird als Ursache für die Entstehung von energetischen Ungleichgewichten betrachtet, die wiederum Beschwerden und Krankheiten entstehen lassen. Umwelteinflüsse und falsche Lebensweisen sorgen für physische und psychische Veränderungen. Man spricht von einer Konstitutionsverschiebung, – auch Vikriti genannt.
Die Aufgabe eines Ayurvedisten ist es, festzustellen, welche Ursachen und Zusammenhänge für die Verschiebungen der Energieanteile verantwortlich sind. Dabei sollte bedacht werden, dass die Konstitution bei der Geburt dem eigenen, optimalen Gleichgewicht sehr nahe kommt. Was nicht ausschließt, dass bereits dort Störungen auftreten können, die das ganze Leben über mitgetragen werden müssen.
Im Vordergrund der Untersuchungen steht die Bestimmung der wesentlichen körperlichen, geistigen und seelischen Merkmale. Dann erst wird die Konzentration auf die Abweichung der Konstitution gelegt, die der Verstellung und damit der Krankheit vorausging. Es werden die Qualität der Gewebe überprüft, der Körperbau und seine Proportionen betrachtet, die Zuträg- lichkeiten und psychischen Stärken miteinbezogen und das Verdauungsfeuer unter die Lupe genommen. Die Bewegungs- und Körperkraft wird getestet. Darüber hinaus wird der aktuellen Altersstufe große Bedeutung beigemessen. Die Anamnese bedient sich mehrerer Methoden: die Puls- und Zungendiagnose, die Untersuchung von Ausscheidungsmaterialien, die Begutachtung von Stimme und Augen, die Beurteilung des Ernährungszustandes sowie der Körperstruktur und des Ganges. Weiter im Heft...
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Stürmische Grüße aus dem All
Das Nördlinger Ries ist trotz seiner kreisförmigen Geländestruktur nie Teil einer vulkanischen Kraterlandschaft gewesen, sondern das Ergebnis eines gewaltigen Meteoriteneinschlags, der vor 15 Millionen Jahren die Region nördlich der Kalkalpen durchgeschüttelt hat. Vertreter der Vulkantheorie hatten immer darauf hingewiesen, dass im Riesgestein unzählige Minerale zu finden seien, die nur unter großer Hitze wie eben bei einem Vulkanausbruch entstehen können. Geoforscher haben nun auf der internationalen Tagung "Fragile Earth" in München das Rätsel gelüftet, warum der Meteorit nach seinem Aufschlag nicht einfach in Stücke zerborsten ist, sondern auf einen Schlag zugleich zerbröselt und verdampft ist – ein Prozess, der ebenfalls die Geburt von Mineralien, wie sie im "Ries" massenhaft auftreten, auslöst. Süddeutschland war im Miozän eine üppige, subtropische Sumpflandschaft mit unzähligen Seen und Wasseradern. Als die riesige Gesteinsmasse aus dem Weltall mit der Wucht von 250.000 Hiroshima-Bomben einschlug, ist der Großteil des Meteoriten in dem sumpfigen Gebiet verpufft. Geschmolzenes Gestein katapultierte sich hunderte Kilometer durch die Luft. Bis in die Schwäbische Alp und nach Böhmen. Dem Hamburger Nachrichtenmagazin "Der Spiegel" war diese wissenschaftliche Erkenntnis die Schlagzeile "Geologen ergründen Europas Urkatastrophe" wert. Das subtropische Klima in der Region, das die Theorie vom "Verdampfen des Meteoriten" plausibel macht, war kurz zuvor durch den Fund einer versteinerten Python in Griesbeckerzell (Landkreis Aichach-Friedberg) aus demselben Erdzeitalter bestätigt worden. Von Jürgen Schmid
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Im eher beschaulichen Donauwörther Schulbuch- und Heimat-Verlag von Ludwig Auer erschien 1976 ein kleines Heftchen mit einem aufsehenerregenden Titel: "Mondkrater Ries". Der Mönchsdegginger Lehrer und Hobbyastronom Julius Kavasch hatte damit erstmals einen "geologischen Führer" vorgelegt, der auch Laien verständlich war. Darin beschreibt er seine Heimat als "Zeuge einer der größten Katastrophen unseres Planeten", berichtet von "Spuren stärkster Zerstörung", die sich in Steinbrüchen des Riesrandes finden: Jurakalke sind zu kleinteiligem Schotter zermahlen, der nur noch zum Straßenbau taugt; die Erde steht hier gegen jede geologische Logik buchstäblich auf dem Kopf, wenn ältere Gesteine über jüngeren Formationen der Erdgeschichte auftauchen – eine wahrlich "unsinnige Lagerung der Gesteine", die man sich lange Zeit nicht erklären konnte. Dazu gesellen sich all überall im Ries "Zeichen von Hitzeeinwirkung" in Form von "Glasbomben", den bizarren Formen vulkanischer Lava verblüffend ähnlich, die man aus dem Urlaub auf den Kanarischen Inseln zu kennen glaubt. Diese merkwürdigen Phänomene haben sich ihrer Entschlüsselung lange hartnäckig entzogen, sie wurden zum "Riesrätsel" oder ominösen "Riesereignis", das Generationen von Naturwissenschaftlern schlaflose Nächte bereitet hat: Wie ist "die wohl fremdartigste Erscheinung im geologischen Kartenbild Süddeutschlands" entstanden, eine der "aufregendsten Strukturen der Erdkruste", die "wie ein riesiges Amphitheater von 25 Kilometer Durchmesser" ins Juragebirge eingebettet ist?
Im Ries steht die Erde gegen jede geologische Logik buchstäblich auf dem Kopf, wenn ältere Gesteine über jüngeren liegen...
Ausgerechnet 1789, im Jahr der französischen Revolution, begann die Geschichte der Ries-Forschung mit einer hochexplosiven Theorie: Der Ingenieur-Hauptmann von Jaspers fand auf der Suche nach geeigneten Baumaterialien einen Stein, der ihn an den "Trass" seiner rheinischen Heimat erinnerte, geschaffen von den berühmten Eifelvulkanen: Von theoretischen Skrupeln unbeleckt, die Vulkanismus für Süddeutschland ausschlossen, postulierte er einen "erloschenen Vulkan" im Ries. Kein geringerer als Mathias Flurl, Direktor des Bayerischen Berg- und Hüttenwesens und Begründer der Geologie im Freistaat, schloss sich 1805 der gewagten These an, als er die "mineralogischen Merkwürdigkeiten" als "wirklich vulkanische Gegend" deutete; sein Nachfolger Carl Wilhelm von Gümbel sprach 1870 ausdrücklich vom "Riesvulkan". Es gab aber auch andere Meinungen: Der Freiberger Geognostiker Bernhard von Cotta stellte sich 1834 einen "Riessee" vor, der mit basaltischen Eruptionen "gewaltsam zwischen Harburg und Donauwörth durchgebrochen war". Nicht ohne Bauchgrimmen und "gegen seine Neigung" glaubte Carl Deffner 1870 mit Blick auf die Schuttmassen bunter Breccie bei Bopfingen, die für ihn "ortsfremd vom Ries her geschoben" worden waren, "auf die Gletscher als die einzige Kraft verweisen" zu müssen, "welche den Transport so gewaltiger Massen bewerkstelligen konnte." Dass die Trümmer durch die Luft geflogen sind, lag für ihn außerhalb der Vorstellungskraft, obwohl Eduard Suess 1885 eine Wasserdampfexplosion durch eindringendes Grundwasser für wahrscheinlich hielt. Lange Zeit galt schließlich die Hypothese einer "zentralen riesigen Sprengung", 1901 von dem Geologen Wilhelm von Branca und dem Paläontologen Eberhard Fraas als "Hebungs-Explosions-Theorie" geboren. Wieder entschied man sich also für eine vulkanische Deutung des "Riesereignisses", was der Pionieroffizier Walter Kranz durch spektakuläre Sprengversuche experimentell zu untermauern versuchte.
Aber erst Eugene Shoemaker, als Geologe, Astronom, Entdecker von 30 Kometen und Beinaheastronaut eine schillernde Figur des amerikanischen Wissenschaftsbetriebs, konnte das Riesrätsel endgültig lösen. In seiner Dissertation über "Impact mechanics at Meteor Crater Arizona" führte der Geologe 1960 den Nachweis, dass der 1,5 Kilometer kleine und 50.000 Jahre junge Barringer-Krater seine Existenz einem Meteoriteneinschlag zu verdanken hat. Zusammen mit seinem Kollegen Edward Chao publizierte er nur ein Jahr später im renommierten "Journal of Geophysical Research" den bahnbrechenden Aufsatz "New evidence for the impact origin of the Ries Basin, Bavaria, Germany". Gegen die gängige Lehrmeinung der Ries-Entstehung ("formed by some sort of volcanic explosion") setzten Shoemaker und Chao revolutionäre Beweise, formuliert im Gewand naturwissenschaftlicher Nüchternheit: "We have found that coesite, a high-pressure polymorph of SiO2, occur in the sintered rocks in the suevite." Damit war eine von der etablierten Fachwissenschaft nie ernst genommene Vermutung, die Ernst Werner 1904 als Erster auszusprechen wagte, zur sensationellen Gewissheit geronnen. Denn Coesit kann als eine Modifikation von Quarz nur unter den extremen Druckbedingungen eines Meteoriteneinschlags entstehen – und durch die Gewalt unterirdischer Atombombenversuche, wie sie von der US Army zur damaligen Zeit in Nevada durchgeführt wurden.
Der Meteoriteneinschlag muss ein wahrhaft apokalyptisches Szenario wie aus dem Hollywood-Schocker "Independence Day" gewesen sein.
Plötzlich ließen sich alle Merkwürdigkeiten der Ries-Geologie schlüssig erklären – der Meteorit hatte die lange favorisierte Vulkantheorie schlagartig pulverisiert: Nur der Einschlag eines großen extraterrestrischen Flugkörpers vermochte es, die harten Jurakalke in Schotter zu zerlegen, ganze Schichtpakete durch die Luft zu katapultieren und nach der "Landung" auf den Kopf zu stellen, durch gigantische Hitzeentwicklung neuartige Gesteinsformationen wie den Suevit zu erschaffen. "Meteoriten-Vater" Shoemaker wurde als Begründer einer "Astrogeologie" für die NASA zum begehrten Mitarbeiter – beispielsweise als Berater der Lunar-Ranger-Missionen, die unbemannte Raumsonden zum Mond kommandierten, um erstmals fotografische Aufschlüsse vom Erdtrabanten zu erhalten. Sein eigener Mondflug als Wissenschaftsastronaut war fest eingeplant, fiel aber einem nicht bestandenen Gesundheitscheck zum Opfer. Dafür schmückt sein Name heute den Eugene-Shoemaker-Platz in Nördlingen, dessen Hausnummer 1 seit 1990 das Rieskrater-Museum beherbergt. Geleitet wird dieser außergewöhnliche Lernort seit Juli 2011 von Dr. Elmar Buchner. Mit einer seitenlangen Publikationsliste zum Ries-Phänomen und als Privatdozent für Planetologie an der Universität Stuttgart gehört er zu den ausgewiesensten Kennern der Materie. Es ist ein Glücksfall, dass wir den gefragten Forscher kurz vor seinem Abflug zu einer Fachtagung in Casablanca noch in Nördlingen antreffen – die Meteoritenforschung ist eben eine ausgeprägt internationale Angelegenheit. Wie zum Beweis erzählt Buchner gleich zu Beginn von einem Meteoriten von der Größe eines US-Flugzeugträgers, der vergangene Nacht in 325.000 Kilometern Entfernung "an der Erde vorbeigerauscht" sei – ein "kosmischer Streifschuss" irgendwo in den Weiten des Südpazifik. Weiter im Heft...
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