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Dieter Wieland: Dorthin gehen, wo es brennt!
1972 ist ein Prophet aufgetreten, dessen Stimme mächtig erscholl. Plötzlich war er da, "der zornige junge Mann" (Andersch über Enzensberger), der die fortschreitende Zerstörung seiner Heimat in Friedenszeiten nicht länger hinnehmen wollte. Von Landshut aufgebrochen, eroberte Dieter Wieland (73) mit einer ebenso schlichten wie provokanten Frage die Bildschirme in Bayerns Wohnzimmern: "Muß unser Dorf so häßlich werden?" In lebhafter Erinnerung sind die großen Ausstellungs- und Publikationsprojekte "Bauen und Bewahren auf dem Lande" (1978) oder "Grün kaputt!" (1983) ebenso wie seine legendäre Tätigkeit für das Bayerische Fernsehen: Die Wielandsche "Topographie" (1972-2002) war eine grandiose Schule des Sehens, ein (oft schmerzhafter) Spiegel unserer Gesellschaft – bis heute unerreichter Klassiker der bayerischen Fernsehgeschichte. Notizen aus einem Gespräch, das als Interview begann und als Gedankenaustausch über Bauen in Bayern endete. Von Jürgen Schmid
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Das große Thema des Dokumentarfilmers Dieter Wieland war der ländliche Raum – der Zukunft unserer Dörfer im Strukturwandel galt ein Großteil seines Ringens um die bessere Lösung. Darüber wollten wir kompetente Auskunft erhalten: Müssen wir ein fortgesetztes Unbehagen an unseren Dörfern konstatieren, die immer mehr zu gesichtslosen Durchgangsstraßen und unendlichen Neubaugebieten ohne Identität mutieren? Wie ist es aktuell um den privaten Wohnungsbau auf dem Land bestellt, wo die Eigenheime zu ständig bewohnten Wochenendhäusern für den automobilisierten Pendler degenerieren? Kann das Landleben eine Qualität zurückgewinnen, die mehr zu bieten hat als viele Quadratmeter totgepflegten Zierrasen rund um die Einfamilienhäuser? Und natürlich hätten wir gerne eine persönliche Bilanz erhascht: Was hat der Prophet im eigenen Land bewirkt? Ist die Frucht seines aufklärerischen Wirkens aufgegangen?
Erwartungsfroh machten wir uns auf, den "Altmeister" in seinem Ruhestand mit Fragen dieser Art zu belästigen – einer Fax-Anfrage folgte ein persönlicher Anruf: Nein, ein Interview wolle er nicht führen. Mit Architekturkritik habe er nichts (mehr) am Hut. Und auch das Dorf interessiere ihn nicht mehr. Das sei alles viel zu frustrierend. Nach dieser kategorischen Absage sprudelt es über eine Stunde lang nur so aus ihm heraus: Ohrwurmverdächtige Bilder und Assoziationsketten, stakkatoartig variierte Wortschöpfungen, fantastische Satzgirlanden fluten den Telefonhörer, der typische Wieland-Sound eben, der süchtig machen kann. Das Ergebnis ist eine melancholisch resignative und zugleich angriffslustig kämpferische Bilanz.
Das Passivhaus ist eine Maschine, mit dem Kamin als Auspuff – im Inneren müssen Motoren die Bewohner mit Luft versorgen
Vorsichtig gefragt, was ihn denn am meisten aufrege am modernen Bauen, über was man denn etwas schreiben sollte, jagt ein Aufreger den nächsten: Ärgerliche Formen gibt es für Dieter Wieland genug, das Passivhaus zum Beispiel. Nicht angehen kann es, dass Häuser zu Maschinen werden, mit dem Kamin als Auspuff. In einem derart hermetisch geschlossenen Gebilde kann man nicht leben, weil einen Motoren mit Luft versorgen müssen. Um die Ecke grüßt Jaques Tatis geniale Film-Vision "Mon Oncle" aus der Technikverliebtheit und -verblendung der Nachkriegszeit.
Immer wieder der Versuch von Rückzugsgefechten: Man sollte doch das fantastische Buch des Fotografen Stefan Winkelhöfer besprechen, "Gesichter eines Dorfes" (2009). Dazu habe er, Dieter Wieland, ein Vorwort verfasst – beim Nachlesen findet man ein Lob der "exakten Momentaufnahme" des "Biotops Dorf", "die mehr zeigt als viele Diplomarbeiten von Geographen und Statistikern". Darin sei alles gesagt, das möge als Auskunft genügen. Natürlich genügt der wohlmeinende Hinweis nicht: Man müsse sich nur manche Luftbilder anschauen, entsetzlich. Das Ausufern immer neuer, immer hässlicherer Neubaugebiete. Aber kein Wunder, wenn der Ingenieur, der über die Verlegung von Kanalisationsrohren nachdenkt, den Plan für das Neubaugebiet macht. Dann sind die Häuser eben abgestellt wie Autos auf Parkplätzen.
Überhaupt werde das Bauen immer aufdringlicher: Neue Farben aus dem Computer, die Häuser müssen glühen. Grell, auffällig, schrill. Die Lautstärke nimmt zu. Spätestens jetzt läuten die Alarmglocken: Ob man ihn zitieren dürfe mit diesem herrlichen Bonmot? Ja, das dürfe man – genüsslich wiederholend: Die Lautstärke nimmt zu. Und schon geht es weiter im Parcours ärgerlicher Formen des modernen Hausbaus: Fenster, Treppen, Dächer – ganze Hauslandschaften werden zornig aufgebaut und wortgewaltig niedergerissen. Architekten-Häuser seien heute oftmals Würfel. Das Flachdach feiert Triumphe. Ein Unsinn in unseren klimatischen Verhältnissen. Fünfzig Frostwechsel pro Jahr müssten das Leitmotiv beim Bauen sein, als bestimmende Faktoren, die an einem gebauten Haus zerren. Ein Dach müsse deshalb sein wie ein Regenschirm.
Es gibt keine Häuser auf Zimmerlautstärke mehr, nur noch große Lautsprecheranlagen
Funktionalität wird hintenangestellt, die Aufdringlichkeit gesteigert – Thema Fenster und Glas: Zuerst waren die Wintergärten, die waren ja fast noch schön im Vergleich. Dann kamen die Breitbandfenster, jetzt die riesigen Glasfronten. Kälte ist das höchste Prinzip – cool, cool, cool. Steinböden, Metalltreppen, das Harte, Glas in großen Fronten, wo man nichts mehr spürt vom Wandern der Sonne um das Haus herum. Es fehlt an Gefühl. Über Gabriel von Seidls Bauten lese man in den zeitgenössischen Kritiken um 1900 lobende Attribute wie malerisch, behaglich, wohnlich – hinauswerfen würde der moderne Architekt den Bauherrn, der mit derlei abstrusen Wünschen an ihn heranzutreten wagte. Es ist ein einzigartiger Blick in die Denk- und Erregungs-Werkstatt des Dieter Wieland, den der verhinderte Interviewer unverhofft erhält. Keine vorbereiteten Statements, geglättet, ausgewogen und langweilig, keine wohlüberlegten Satzbaustein- Phrasen und hohlen Plastikwörter, von denen der Politsprech zurzeit überquillt: Wachstum und Effizienz mögen als schauerlichste Beispiele genügen. Stattdessen der anhaltende Zorn des Aufklärers über die selbstverschuldete Unvernunft.
Auch die mediale Vermittlung des Bauens bekommt eine Breitseite ab: In Architekturzeitschriften sehe man nie die Nachbarschaft. Einzeln aber wirken die Häuser so aggressiv. Und einmal in Fahrt, gibt es kein Halten mehr: Das sei es, was ihn an der zeitgenössischen Architektur nicht mehr interessiere, nur noch Show, nur noch Lärm, auffallen um jeden Preis. Es gibt eben keine Häuser auf Zimmerlautstärke mehr, sondern nur noch große Lautsprecheranlagen. Dabei war der Kritiker selbst ein großer medialer Vermittler – die Möglichkeiten des Fernsehens haben ihn früh elektrisiert. Schnell war der Hörsaal an der Münchner Universität mit dem Platz hinter der Kamera vertauscht. Das Studium der Geschichte bei Max Spindler und der Kunstgeschichte bei Hans Sedlmayr hatte sein Denken und Sehen geschult. Aber: "Ich kann in kein Museum gehen, und ich will auch in keinem Archiv vertrocknen. Ich muss da mitkämpfen!" Die Doktorarbeit blieb liegen, weil sofort klar war, "dass ich eigentlich dorthin gehen sollte, wo es wirklich brennt." (BRalpha 2000).
Rücksichtslos hat Dieter Wieland stets Rücksichtslosigkeiten im Umgang mit der Natur aufgedeckt und Missstände angeprangert. Rücksichtslos sei beispielsweise der Verbrauch von Fläche und Energie. Und wie in "Bauen und Bewahren auf dem Lande" lassen sich quer durch alle Publikationen und Filme nahezu endlose Varianten dieses Signal-, Warn- und Hass-Lieblingswortes des Autors entdecken. Man fühlt sich an die Bilanz des jüngst entthronten Nockherberg-Predigers Michael Lerchenberg erinnert, der nach erfolgtem Rauswurf über seinen Bruder Barnabas sagen konnte: "Nichts und niemanden hat er geschont. Er war nie parteiisch." (mehr im Heft...)
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